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Geld wird grün

Um die Klimaschutzziele zu erreichen, braucht es umfassende öffentliche wie private Investitionen. Das lässt die Nachfrage nach nachhaltigen oder grünen Geldanlagen kontinuierlich steigen. Aus einem kleinen Nischenmarkt wird ein weltweiter Wachstumsmarkt. Europa und China wollen Vorreiter sein.

Foto: Pawel Czerwinski/ Unsplash

Die Anleger bestürmten den Immobilienfinanzierer Berlin Hyp geradezu, als der im Sommer 2019 seinen dritten Grünen Pfandbrief emittierte. Mit der 500 Millionen Euro schweren Anleihe soll der Bau energieeffizienter und ökologisch nachhaltiger Gebäude refinanziert werden. Innerhalb von zweieinhalb Stunden gingen nach Unternehmensangaben 76 Bestellungen im Gesamtwert von mehr als 950 Millionen Euro ein. Auch die erste grüne Anleihe (Green Bond) der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) mit einem Volumen von 750 Millionen Euro war 2017 deutlich überzeichnet. Die Bank refinanzierte mit dem Erlös energieeffiziente Gewerbeimmobilien und Projekte im Bereich erneuerbare Energien.

„Investitionsmöglichkeiten in grüne Gebäude sind sehr gefragt“, weiß dena-Expertin Nana von Rottenburg. Die hohe Nachfrage von finanzkräftigen Investoren treffe aber auf ein noch geringes Angebot. Einer der Gründe: Die potenziellen Anbieter finden nicht genügend Projekte, die ihren Anforderungen genügen. Das liegt, so von Rottenburg, auch an nicht hinreichend standardisierten Kriterien, was genau als „Green Buildings“ bezeichnet werden darf: „Nötig wären einheitliche Bewertungsmaßstäbe, die auch international anerkannt sind.“

Von der Nische zum Mainstream

„Investitions- möglichkeiten in grüne Gebäude sind sehr gefragt.“

Nana von Rottenburg, dena-Seniorexpertin Energieeffiziente Gebäude

Prinzipiell sind Investments in grüne Gebäude nicht neu. Im Gegenteil: Seit Jahrzehnten fließt Kapital in Geldanlagen, die Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Dieses Kapital finanziert ein breites Portfolio von Gebäuden über Unternehmen bis zu Energieerzeugungsanlagen. Dabei gibt es zwei grundlegende Prinzipien: Die Investments schließen bestimmte Wirtschaftsbereiche als nicht nachhaltig aus oder sie lenken Kapital gezielt in ausgewählte Branchen, Unternehmen und Projekte, die definierte Nachhaltigkeitsstandards und Ziele erreichen. Einzelne Banken haben ihr Statut schon länger so ausgerichtet, dass sie ihr gesamtes Geldgeschäft nachhaltig betreiben.

Dieser anfangs von wenigen privaten wie institutionellen Anlegern getriebene Nischenmarkt ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. So steckten im vergangenen Jahr allein in Deutschland bereits 219,1 Milliarden Euro in nachhaltigen Geldanlagen. Und die Dynamik ist ungebrochen. Der ehemalige Nischenmarkt dürfte sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zum Mainstream entwickeln, weil eine Umlenkung der Finanzflüsse entscheidende Voraussetzung für einen erfolgreichen Technologie- und Infrastrukturwandel im Sinne des Pariser Klimaschutzabkommens ist. Dieser Trend treibt die hohe Nachfrage nach Anlageformen wie grünen Immobilienanleihen, Aktien oder auch Versicherungsprodukten.

Europa: Grünen Finanzmarkt aufbauen

dena-Workshops zu grüner Finanzierung

Die dena hat mehrere Workshops zu grüner Finanzierung veranstaltet. Mit Vertretern aus Finanzwirtschaft, verschiedenen Wirtschaftsbereichen, Politik und Wissenschaft wurde die Entwicklung einer einheitlichen Taxonomie für grüne und nachhaltige Investitionen durch die EU diskutiert. Ein besonderer Fokus lag auf der Identifikation von Hemmnissen, die Investitionen in grüne und energieeffiziente Gebäude derzeit behindern.

Eine wichtige Voraussetzung für die Transformation des Finanzmarkts ist eine Systematisierung der bis dato sehr unterschiedlichen Anlagekriterien für Nachhaltigkeit. Europa hat hierfür im März 2018 die Weichen gestellt, mit dem „EU-Actionplan: Financing Sustainable Growth“. Erstmals gibt die Europäische Union (EU) dem Finanzmarkt damit klare Vorgaben zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Kernstück ist ein Klassifizierungssystem (Taxonomie) für grüne Geldanlagen und wirtschaftliche Aktivitäten in Energieerzeugung, Transport, Immobilien oder Landwirtschaft. Diese Taxonomie soll die Einstufung einer Investition als grün erleichtern. Geplant sind zudem eigene EU-Standards zu grünen Anleihen.

Flankierend dazu verpflichtet die überarbeitete EU-Gebäuderichtlinie die Mitgliedsstaaten erstmals, in ihren langfristigen Sanierungsstrategien darzulegen, mit welchen Instrumenten sie private Investitionen fördern wollen. Allerdings tritt die Taxonomie in der EU womöglich erst Ende 2022 in Kraft. Bei der praktischen Anwendung und der Qualitätssicherung sind noch einige Fragen offen, betont von Rottenburg.

China: Neuorientierung im Finanzsektor

Europa ist mit seinen Plänen nicht allein. Bereits 2016 veröffentlichte die chinesische Regierung Leitlinien für den Aufbau eines grünen Finanzsystems und eine eigene Taxonomie, die 2019 überarbeitet wurde. Die Regierung wies zudem fünf Pilotregionen aus, in denen grüne Finanzstrukturen entwickelt und erprobt werden.

China verknüpft seine allgemeinen Umwelt- und Nachhaltigkeitsziele eng mit einer Neuorientierung des Finanzsektors. So wurde bereits während der chinesischen G20-Präsidentschaft die „G20 Green Finance Study Group (GFSG)“ unter Federführung der People’s Bank of China und der Bank of England initiiert. Ziel ist die Schaffung allgemeingültiger Definitionen und Rahmenbedingungen für ein internationales, grünes Finanzsystem.

Europäische Länder wie Frankreich, Luxemburg und Deutschland forcieren deshalb den Austausch mit China zu grünen Finanzthemen. Die dena veranstaltete hierzu im August 2019 zusammen mit dem National Energy Conservation Center China und der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Qingdao einen Workshop. Im Mittelpunkt standen unter anderem neue Finanzierungsansätze sowie die politischen Rahmenbedingungen zur Förderung von grüner Finanzierung in China.

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